Freitag, 15. Juni 2007
one-tracked
fortysomething, 12:28h
Langes Wochenende und strahlender Sommer in der schönsten aller Städte - das Leben kann so großartig sein. Und tatsächlich passiert, was meist passiert, wenn Madame zur Ruhe kommt: Ich komme wieder zum Lesen. Zu Hause, im Alltag, scheint nicht mehr Muße genug zu sein; in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit ist das Buch inzwischen vom iPod verdrängt worden, der die großartige Eigenschaft hat, in perfekter Zusammenarbeit mit einem In-Ear-Kopfhörer auf unnachahmliche Art und Weise Mitreisende akkustisch aus der Realität beamen zu können. Zu Hause lockt der Hochgeschwindigkeitsanschluss an das Netz der Netze, der zwar inzwischen unverzichtbar ist, aber meist auch bedingt, dass man sich in den obskuren Ecken der virtuellen Welt lustvoll verirrt. Oh, schon wieder 2 Uhr nachts? Oooops...
Fern der Heimat locken Straßen- und Gartencafés, Parks und Bänke an Elbe und Alster, ein gemütliches Plätzchen unter einem alten Baum mit bewundernswert jungem, strahlenden Grün. Ein kühler Drink, das Näschen in die Sonne gestreckt, die Zehen wohlig geräkelt und den Tag genießen - da ist das mitgebrachte Büchlein schnell durch. Nachschub!
In einer Altonaer Buchhandlung fällt es mir in die Finger, und mein erster Gedanke ist: Jemine, noch so ein berufsjugendliches Machwerk für Möchtegern-Pradaträgerinnen, die Sorte, die in Brigitte und Freundin hochgejubelt werden, bei mir aber unfehlbar Übelkeit auslösen. Nein, ich lese nicht, nicht, nicht Bücher von Ildiko von Kürthy, Juli Zeh, wie sie alle heißen mögen. Diese Oliver Pochers der pseudocoolen jungen deutschen Literaturszene gehen mir im besten Sinne an meinem reizenden Hintern vorbei. Da bin ich böse, da darf ich's sein.
Trotzdem... das Thema an sich scheint reizvoll, und dann lese ich dann auch gern mal trotz fürchterlichem Anreißer ("Sie ist smart, sie ist Single und sie ist scharf auf Sex" Lieber Himmel, wer textet sowas...) und langweiligem Klappentext ("Unzufrieden mit ihrem mittelmäßigen Liebesleben macht sie sich auf die Suche nach der erotischen Erfüllung, die sie sich immer gewünscht hat. Ihr intimes Tagebuch nimmt den Leser mit auf eine außergewöhnliche Entdeckungsreise in die Welt der geheimen Leidenschaften. Wer hier beim Lesen keine heißen Ohren kriegt, ist entweder impotent oder tot." Ok, wer sowas druckt, dem traue ich auch zu, das Lektorat sukzessive durch Praktikanten zu ersetzen) ein oder zwei Seiten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Und was ich da lese, ist durchaus amüsant...
Abby Lee ist das Pseudonym einer Bloggerin aus London, die 2004 begonnen hat, ihr erotisches Tagebuch im Internet zu veröffentlichen. Zunächst weitgehend unbemerkt, wuchs die Zahl ihrer Leser rasch. Derzeit gehört sie ohne Zweifel zu Englands A-Bloggern, preisgekrönt und -leider- inzwischen auch von einer lüsternen Boulevardpresse wider Willen geoutet.
Auf ihrem Blog basierend, erschien dieses ihr erstes Buch, "Girl With A One Track Mind", das jetzt auf deutsch vorliegt (bei Goldmann, was einiges erklärt). Okay, worum geht es?
Abbys Gedanken kreisen tatsächlich immer nur um das eine: Ihre Sexualität ist sehr ausgeprägt und lustvoll und sie wundert sich ein bisschen, dass sie damit relativ allein auf weiter Flur zu stehen scheint. Sie hätte wirklich nichts gegen einen festen Partner (so er ihren Bedürfnissen gerecht zu werden verspricht), kann aber ihre Freundinnen nicht recht verstehen, die all ihre Energie auf die Suche nach Mr Right konzentrieren, während Abby sich mühsam konzentrieren muss, jetzt nicht schon wieder geil zu werden und dem Pub-Nachbarn in den Schritt zu starren. In kommunikativer Hinsicht häufig mit ihren Gedanken allein gelassen - ansonsten zögert sie nicht, sich zu holen, was sie will - beginnt sie ihr Tagebuch (mit den Worten: "Offen gesagt brauche ich einen Fick"), in dem sie ironisch-lustvoll ihre Begegnungen nicht nur mit dem anderen Geschlecht kommentiert.
Ms Lee pflegt eine offene Sprache, so offen, dass ich zunächst einen Fake vermutete (Ich hatte die Vorgeschichte noch nicht recherchiert). Aber je mehr ich las, in diesem Cafe im Karo-Viertel, während sich gelegentlich tatsächlich ein leises Pochen zwischen meinen Beinen breit machte, desto mehr kristallisierte sich heraus: Kein Vertun. Hier schreibt tatsächlich eine Frau. Und sie schreibt lächelnd, rührend, lustig, ernst. Über Geilheit in der Umkleidekabine und Verliebtsein in jemanden, den man nur aus E-Mails kennt. Über Begierde, die nicht nach dem wo fragt und Liebe, die mit einem warum zerbricht. Über Rolligkeit in der freien Natur und Freundschaften in der Großstadt. (Und nicht zuletzt über die Vorteile von Körperpflege und Intimrasur bei Männern und die Unfickbarkeit von Tory-Anhängern.)
Ich fand zunehmend Vergnügen an ihrer Direktheit... und ja... hier und da habe ich auch etwas dazugelernt. Und brenne darauf, die ein oder andere Sache auszuprobieren. Was mich aber wirklich schwer beeindruckt hat: Ich bin nicht allein, was die Definition von (nicht nur) sexueller Attraktivität von Kerlen angeht. Ein scharfer Verstand. Ein ausgeprägter Sinn für Humor. Macht mich an wie sonst kaum etwas. Selbstironie, Respekt, Erfahrung, Neugier, Fingerfertigkeit. Die Fähigkeit, zu kommunizieren. Viel, viel wichtiger als Länge, Breite, Höhe.
"Intelligenz ist das beste Aphrodisiakum von allen": Ein kluger Kopf, ein sauberer Körper und eine schmutzige Fantasie. Yes! Her damit! Und mit Büchern wie diesen auch.
Abby Lee, Immer nur das eine
Goldmann, 2007
ISBN 978-3-442-15450-0
...oder hier...
Fern der Heimat locken Straßen- und Gartencafés, Parks und Bänke an Elbe und Alster, ein gemütliches Plätzchen unter einem alten Baum mit bewundernswert jungem, strahlenden Grün. Ein kühler Drink, das Näschen in die Sonne gestreckt, die Zehen wohlig geräkelt und den Tag genießen - da ist das mitgebrachte Büchlein schnell durch. Nachschub!
In einer Altonaer Buchhandlung fällt es mir in die Finger, und mein erster Gedanke ist: Jemine, noch so ein berufsjugendliches Machwerk für Möchtegern-Pradaträgerinnen, die Sorte, die in Brigitte und Freundin hochgejubelt werden, bei mir aber unfehlbar Übelkeit auslösen. Nein, ich lese nicht, nicht, nicht Bücher von Ildiko von Kürthy, Juli Zeh, wie sie alle heißen mögen. Diese Oliver Pochers der pseudocoolen jungen deutschen Literaturszene gehen mir im besten Sinne an meinem reizenden Hintern vorbei. Da bin ich böse, da darf ich's sein.
Trotzdem... das Thema an sich scheint reizvoll, und dann lese ich dann auch gern mal trotz fürchterlichem Anreißer ("Sie ist smart, sie ist Single und sie ist scharf auf Sex" Lieber Himmel, wer textet sowas...) und langweiligem Klappentext ("Unzufrieden mit ihrem mittelmäßigen Liebesleben macht sie sich auf die Suche nach der erotischen Erfüllung, die sie sich immer gewünscht hat. Ihr intimes Tagebuch nimmt den Leser mit auf eine außergewöhnliche Entdeckungsreise in die Welt der geheimen Leidenschaften. Wer hier beim Lesen keine heißen Ohren kriegt, ist entweder impotent oder tot." Ok, wer sowas druckt, dem traue ich auch zu, das Lektorat sukzessive durch Praktikanten zu ersetzen) ein oder zwei Seiten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Und was ich da lese, ist durchaus amüsant...
Abby Lee ist das Pseudonym einer Bloggerin aus London, die 2004 begonnen hat, ihr erotisches Tagebuch im Internet zu veröffentlichen. Zunächst weitgehend unbemerkt, wuchs die Zahl ihrer Leser rasch. Derzeit gehört sie ohne Zweifel zu Englands A-Bloggern, preisgekrönt und -leider- inzwischen auch von einer lüsternen Boulevardpresse wider Willen geoutet.
Auf ihrem Blog basierend, erschien dieses ihr erstes Buch, "Girl With A One Track Mind", das jetzt auf deutsch vorliegt (bei Goldmann, was einiges erklärt). Okay, worum geht es?
Abbys Gedanken kreisen tatsächlich immer nur um das eine: Ihre Sexualität ist sehr ausgeprägt und lustvoll und sie wundert sich ein bisschen, dass sie damit relativ allein auf weiter Flur zu stehen scheint. Sie hätte wirklich nichts gegen einen festen Partner (so er ihren Bedürfnissen gerecht zu werden verspricht), kann aber ihre Freundinnen nicht recht verstehen, die all ihre Energie auf die Suche nach Mr Right konzentrieren, während Abby sich mühsam konzentrieren muss, jetzt nicht schon wieder geil zu werden und dem Pub-Nachbarn in den Schritt zu starren. In kommunikativer Hinsicht häufig mit ihren Gedanken allein gelassen - ansonsten zögert sie nicht, sich zu holen, was sie will - beginnt sie ihr Tagebuch (mit den Worten: "Offen gesagt brauche ich einen Fick"), in dem sie ironisch-lustvoll ihre Begegnungen nicht nur mit dem anderen Geschlecht kommentiert.
Ms Lee pflegt eine offene Sprache, so offen, dass ich zunächst einen Fake vermutete (Ich hatte die Vorgeschichte noch nicht recherchiert). Aber je mehr ich las, in diesem Cafe im Karo-Viertel, während sich gelegentlich tatsächlich ein leises Pochen zwischen meinen Beinen breit machte, desto mehr kristallisierte sich heraus: Kein Vertun. Hier schreibt tatsächlich eine Frau. Und sie schreibt lächelnd, rührend, lustig, ernst. Über Geilheit in der Umkleidekabine und Verliebtsein in jemanden, den man nur aus E-Mails kennt. Über Begierde, die nicht nach dem wo fragt und Liebe, die mit einem warum zerbricht. Über Rolligkeit in der freien Natur und Freundschaften in der Großstadt. (Und nicht zuletzt über die Vorteile von Körperpflege und Intimrasur bei Männern und die Unfickbarkeit von Tory-Anhängern.)
Ich fand zunehmend Vergnügen an ihrer Direktheit... und ja... hier und da habe ich auch etwas dazugelernt. Und brenne darauf, die ein oder andere Sache auszuprobieren. Was mich aber wirklich schwer beeindruckt hat: Ich bin nicht allein, was die Definition von (nicht nur) sexueller Attraktivität von Kerlen angeht. Ein scharfer Verstand. Ein ausgeprägter Sinn für Humor. Macht mich an wie sonst kaum etwas. Selbstironie, Respekt, Erfahrung, Neugier, Fingerfertigkeit. Die Fähigkeit, zu kommunizieren. Viel, viel wichtiger als Länge, Breite, Höhe.
"Intelligenz ist das beste Aphrodisiakum von allen": Ein kluger Kopf, ein sauberer Körper und eine schmutzige Fantasie. Yes! Her damit! Und mit Büchern wie diesen auch.
Abby Lee, Immer nur das eine
Goldmann, 2007
ISBN 978-3-442-15450-0
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